Ein Kunstprojekt der Versöhnungsgemeinde/ Berlin nach einer Idee von denkwerk/ Michael Spengler in Kooperation mit der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Landwirt Joachim Henke


Im September 2005 wurde der Boden für die Aussaat eines Roggenfeldes vorbereitet. Eine Bodenfräse haben wir uns vom Baumarkt geliehen. Bild
Um die Saatmenge genau bestimmen zu können, muss die Keimfähigkeit des Kornes ermittelt werden. Für die erste Saat wurde Bergroggen aus Österreich verwendet. In den folgenden Jahren kam der „Borellus“, eine Sorte aus Mecklenburg, zum Einsatz. Bild
Der Landwirt Joachim Henke übernimmt mit gekonntem Schwung die Aussaat. Bild
Im Oktober ist bereits das erste Grün zu sehen. Im Winter wird der Roggen eine Wachstumspause einlegen. Bild
Im Mai ist der Roggen trotz der schwierigen Bodenverhältnisse gut gewachsen. Bild
Durch das hohe Korn wird der ehemalige Postenweg immer plastischer. Bild
Am Feldesrand wächst der Mohn. Bild
Das Korn kurz vor seiner Ernte im Juli. Bild
Der „Kleinparzellenmähdrescher“ der Humboldt- Universität (mit VW- Käfermotor) kommt zum Einsatz. Bild
Landwirt Bölsche fährt den Mähdrescher. Bild
Die kleine Auffangwanne muss öfter geleert werden. Bild
Achim Henke ist zufrieden. Das Korn ist ausreichend groß. Nach der Siebung wissen wir den genauen Ertrag: drei Zentner! Bild
Beim Müllermeister Wolf in Marzahn: Ein Teil des Roggens ist gemahlen. Bild
Zum Erntedankfest steht das Korn vor dem Altar der der Kapelle der Versöhnung. Aus dem Roggenmehl ist das erste Brot gebacken worden. Kleine Roggenschrippen werden nach dem Gottesdienst verteilt. Bild
Ein Experiment: Ein kleiner Teil des Roggens wurde vergoren und gebrannt. Mit einem Eichenholzspan versehen reift er zum „FINE BERLIN WALL WHISKEY“. Bild
Im September wir der Boden für die nächste Saat vorbereitet. Bild

Das Roggenfeld in der Großstadt im geschichtlichen Zusammenhang

Im September 2005 wurde mit den Vorbereitungen des Bodens für die Aussaat eines Rog- genfeldes begonnen. Im September 2005 wurde die erste Saat ausgebracht und im Juli 2006 die erste Ernte eingefahren (drei Zentner waren der Ertrag).
Im September 2006 wurde das Feld erneut bestellt. Trotz des sehr trockenen Frühjahres war die Ernte ähnlich gut, wie im Vorjahr.
Das Roggenfeld wird wissenschaftlich betreut von Studenten und Studentinnen der Humbold- Universität.

Ein Roggenfeld mitten in Berlin lässt dem Betrachter viel Raum für Assoziationen.
Auch kann es unter unterschiedlichen geschichtlichen Zusammenhängen betrachtet werden.

Das Korn wächst im ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer und erinnert an Geschichte der deutschen Teilung, ohne sie zu verleugnen: im Gegenteil, denn durch das Wachsen des Roggens wird der alte Postenweg plötzlich viel plastischer und deutlicher.

Im Wechselspiel mit noch älterer Geschichte können andere Zusammenhänge gesehen werden.
Der alte Elisabethfriedhof reichte einstmals bis an die Bernauer Straße heran. Über das Roggenfeld sieht man nun den alten Elisabethfriedhof mit seinen Gräbern und wird erinnert an den ewigen Zyklus von Geburt, Leben und Sterben.

In der Bibel findet sich oft die Metapher vom Korn. Die Josephsgeschichte mit den „sieben fetten und den sieben mageren Jahren“, die biblischen Gleichnisse vom „Vierfachen Acker“, der „Selbstwachsenden Saat“, vom „Unkraut unter dem Weizen“, vom „Korn das nicht lebendig wird, wenn es nicht stirbt“.

Das Roggenfeld gibt uns Anregung zum Nachdenken über den großen Prozess des Werdens und Vergehens.

Bild Bild

Die geologische Vorgeschichte dieser Gegend

Der Hang an dem die Kapelle steht, ist Teil von eiszeitlichen Ablagerungen, die auf die Weichselkaltzeit vor ca. 15 000 Jahren zurückgehen. Deshalb gibt es hier viel Sand, Lehmboden und immer wieder Findlinge.

Der große Findling am Rande des Roggenfeldes z.B. wurde bei Straßenbauarbeiten im Sommer 2005 gefunden. Es ist ein rötlicher Granit. Gut zu erkennen ist seine kristalline Struktur. Wir sehen Feldspate, Quarze und Glimmer.

Er stammt ursprünglich aus dem skandinavischen Raum (vermutlich Schweden). Der Gletscher hatte ihn bis nach Berlin geschoben, bis er abtaute und seine Geschiebemasse liegen blieb.

Bild

Die historische Entwicklung der Gegend

Weit vor den Toren Berlins gelegen, waren vor 200 Jahren hier noch Äcker. Die Straßennamen im Umfeld geben darüber Auskunft: Ackerstraße, Gartenstraße und Feldstraße.

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts holten sich die ärmeren Berliner der nördlichen Vorstädte von hier ihr Feuerholz zum Kochen. Da niemand für Wiederaufforstung des Geländes sorgte, kam es zu Erosionen. Der dünne Mutterboden war bald abgetragen und der kräftige Berliner Wind trug den märkischen Sand in die Stadt. Man sprach zur damaligen Zeit von regelrechten Sandstürmen. Die Beherrschung dieser Sandwüste wurde zum langjährigen Problem der Residenzstadt. Eine der Abhilfen war ihre Besiedlung.

Jenseits der Akzisemauer (heute Torstraße) und des Rosenthaler Tores siedelte Friedrich der Große Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und Böhmen an. In kleinen Kolonisten- Häusern (Häuschen mit Garten zur Selbstversorgung) sollten sie sich und die wachsende Residenzstadt mit Obst und Gemüse versorgen.

Unter der Regierung König Friedrich Wilhelm III. wurde das „Voigtland“, die Gegend nördlich des Rosenthaler Tores und in Nachbarschaft zur Spandauer Vorstadt, in „Rosenthaler Vor- stadt“ umbenannt. Sie umfasste die Invaliden-, Chaussee-, Garten-, Berg-, Acker und Brunnenstrasse.
In der zweiten Phase der industriellen Revolution in Berlin wurden hier Eisengießereien und metallverarbeitendes Gewerbe angesiedelt: die berühmte KÖNIGLICH-PREUS-SISCHE EISENGIESSEREI, die kunstvolle Gußarbeiten (im Schinkelschen Design) produzierte, F. A. EGELLS und später L. SCHWARTZKOPFF, und A. BORSIG.
Letzte Relikt dieser Epoche sind das Kolonistenhaus der ersten Besiedlungsphase am Ende der Ackerstraße (rechte Seite) und das Gelände des Stammwerks der AEG.

Bild Bild

Der Bau der alten Versöhnungskirche

1835 beauftragt der Preußische König seinen Hofbaurat Schinkel mit dem Entwurf von vier Vorstadtkirchen für Berlin, darunter auch St. Elisabeth an der Invalidenstrasse, die „Mutter“ der alten Versöhnungskirche.

Die Versöhnungskirche wurde vom Mecklenburgischen Baurat Möckel auf einem Teil des Elisabethfriedhofs gebaut, den die Gemeinde bei ihrer Gründung erwarb und durch ein zusätzliches Grundstück an der Bernauer Straße erweiterte. Die Bauarbeiten begannen im Juni 1892. Eingeweiht wurde die Kirche in Anwesenheit der Kaiserin Auguste Viktoria am 28. August 1894.

„Die Versöhnungskirche, errichtet im vermeintlich tiefen Frieden der Wilhelminischen Zeit, wurde Zeuge der großen Umbrüche von 1918 und 1933. Sie wurde im 2. Weltkrieg durch englische Bomben stark beschädigt und danach mühsam wieder hergerichtet. Dann traf sie am 13. August 1961 das einzigartige Schicksal des Baus der Berliner Mauer.

Mitten im Niemandsland gelegen, war sie für mehr als 20 Jahre nicht mehr zugänglich für ihre geteilte Gemeinde, weder diesseits noch jenseits der Grenze. Das war ohne Beispiel. Ohne Beispiel war dann auch, dass die DDR 1985, also nur vier Jahre vor der Wiedervereinigung, die Kirche gesprengt, sie einfach dem Erdboden gleich gemacht hat.“ (Dr. Günther Braun)

Bild Bild Bild

Das leere Grundstück

Der Todesstreifen der Berliner Mauer an der Bernauer Strasse, dessen Postenweg vor der Kapelle erhalten ist, wurde mit dem Fall der Mauer, am 9. November 1989 zugänglich. Das Leben kehrte zurück. Schon wenige Monate nach dem 9. November 1989 wurde in einer Aktion „MauerLandLupine“ der DDR-Bürgerbewegung auf dem Todesstreifen Samen ausgesät.

Mit diesem starken Symbol wurde der ungeheure Transformationsprozeß des „Todesstreifen der Mauer” deutlich. Er machte dieses „Niemandsland“ urbar für die Rückkehr des Lebens.

Bild

Der Bau der "Kapelle der Versöhnung"

Zum 10. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999 konnte das Richtfest der Kapelle der Versöhnung gefeiert werden.

Die Frage nach dem Profil von ‚Kirche in der Stadt‘ musste in der Bernauer Straße neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken der Versöhnungskirche und des Altars, die Grabungen an ihren Fundamentresten haben diesen Prozess geprägt. Die Kapelle der Versöhnung ist unsere Antwort: Ein moderner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten Versöhnungskirche in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren Platz gefunden haben.

Die neue Kirche hat drei Räume

  • Einen großen Kirchplatz unter freiem Himmel - die Grundfläche der alten Kirche am Läutegerüst.
  • Den Wandelgang mit seinen Sitzgelegenheiten - unter dem Dach der Kapelle, aber noch im Freien.
  • Der kleine von den Lehmwänden geschützte Raum der Kapelle mit dem alten Altar. Ein neuer Lehmaltar birgt im Innersten die vasa sacra.

Alle drei Räume legen Spuren frei

  • Der Kirchplatz die Schwellen des historischen Kirchenportals, den Postenweg des Todesstreifens und das Volumen der alten Kirche.
  • Der Wandelgang die Fundamente der gesprengten Kirche an ihrer Apsis.
  • Die Kapelle eine zugemauerte Kirchentür - "Mauer" 1961.
Bild

Die Kapelle der Versöhnung innerhalb der Gedenkstätte Berliner Mauer

Die Gedenkstätte besteht aus Bausteinen, die einen jeweils spezifischen Zugang zur Vergangenheit eröffnen: die Spuren und Ereignisorte entlang der Bernauer Strasse das Denkmal der Berliner Mauer, das Dokumentationszentrum und die Kapelle der Versöhnung.

Die herausragende Bedeutung der Bernauer Straße als zentralem Ort für das Mauergedenken hat das Interesse der Öffentlichkeit für diese Erinnerungslandschaft in den letzten zwei Jahren verändert und den Strom der Besucher ständig wachsen lassen. Dieser Entwicklung wurde Rechnung getragen im „Gedenkkonzept Berliner Mauer” des Senats von Berlin.
Seit dem 13. August 2005 finden von Dienstag bis Freitag um 12.00 Uhr mittags in der Kapelle der Versöhnung Andachten zum Gedenken an die Todesopfer der Berliner Mauer statt. Im Mittelpunkt jeder Andacht steht die Biografie eines Mauertoten.

Bild Bild

Das Kornfeld im Kontext einer sich verändernden Trauer und Friedhofskultur

Fragt man sich nach den Ursachen, weshalb „Friedwälder“ in der Schweiz und in Deutschland als Bestattungsort immer beliebter werden, so sollte man die Bilder untersuchen, welche die Menschen berühren und sie dazu bringen, einen nahezu ungestalteten Wald als den adäquaten Ausdruck ihrer persönlichen Trauer anzusehen.

Wie schon Tactius in seiner Schrift „Germanica“ den Bewohnern nördlich des Rheins bescheinigte, hatte man hier seit jeher eine große Affinität zum Wald. Bestimmte Waldgebiete betrat man aus Scheu nicht und man stellte den Wald in Beziehung zu seiner eigenen Herkunft.

Nach wie vor ist das Bild des Baumes stimmig für das Leben innerhalb einer Gemeinschaft. Die Ahnengeschichte einer Familie verzweigt sich wie ein Baum. Der „Lebensbaum“ ist ein christliches Symbol. Der Baum ist über der Erde so groß wie unter der Erde. Er ernährt sich von Mineralstoffen und von der Sonne. Er ist Sinnbild eines Kreislaufes. Der Lebensrahmen eines Baumes ist weiter, als der des Menschen.

Die Nachteile bzw. Widersprüche innerhalb des Friedwaldkonzeptes sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
So wäre zu fragen, weshalb eine Bestattungsform, die Kulturgeschichte und Architektur weitgehend ignoriert, stimmig für einen Toten sein soll, der sein ganzes Leben innerhalb eines von Menschenhand gestalteten Rahmens verbracht hat.

Wir möchten ein anderes Bild dagegen setzen:
Das Roggenfeld als Ausdruck der vom Menschen gestalteten Natur. Der Mensch erlebt den Prozess von Säen, Wachsen und Vergehen innerhalb eines Jahres und baut ihn in entspre- chende Rituale ein. Er feiert ein Erntedankfest.

Ein bestelltes Feld mit dem Wind, der darüber streicht, hat eine kontemplative Wirkung auf uns.

Tatsächlich gibt es in Schweden einen Friedhof, der dieses Bild aufgenommen hat. Auf dem 1965 von Ulla Bodorff entworfenen „Berthåga Begravningsplats“ bei Uppsala werden die Besucher am Eingang von einem großen Roggenfeld begrüßt.

Bild - Zurück zur Übersicht -