Im November und Dezember 2003 in Eckernförde: Täglich kommen bis zu 60 Kinder in den Galerieraum in der Ottestraße 1 begleitet von ihren Eltern oder den Erzieherinnen; dort sind einige bereits gebrannte Ziegelsteine mit Fußabdrücken ausgestellt. Bevor es losgeht, machen wir meistens etwas Musik.... Bild
Die ersten Gespräche mit den Kindern... Bild
Die Oberfläche vom Ton wird glatt gestrichen Bild
Der Ton ist glatt, die Spannung steigt Bild
Einige Kinder sind etwas hektisch und treten zu schnell in den feuchten Ton; ich berühre deshalb immer ihre Füße Bild
Fast keiner hat Angst, auf den feuchten, kalten Ton zu treten; da die Ziegel mitunter sehr zäh sind, drücke ich mit den Händen etwas nach Bild
Der fertige Fußabdruck Bild
Der Kinderfuß wird gewaschen Bild
Die Rohlinge mit den Abdrücken der Kinderfüße werden auf Bretter gelegt und mit einer Nummer versehen. Wenn sie etwas angetrocknet sind (nach einem ½ Tag etwa), werden die Vornamen der Kinder hineingedrückt. Bild
Wir sind heute bei Nummer 626 Bild
Pro Tag kommen ca. 40 Kinder, die 80 Fußabdrücke hinterlassen. Manchmal wird es eng im Galerieraum. Bild
Der Wagen ist beladen. Jeder Ziegelstein wiegt im feuchten Zustand ca. 4 kg. Mit 250 Steinen beladen, also mit einem Gewicht von 1 Tonne, machen wir und auf den Weg nach Hanerau Hademarschen. Dort werden sie zu Grünlingen getrocknet und anschließend zum Klinker gebrannt. Ungefähr 10x haben wir jeden Stein bewegt. Die Mitarbeiter des Ziegelwerkes bewegen jeden Stein noch ca. 8x. Damit sind insgesamt über 50 Tonnen bewegt worden... Bild
Achthundert Ziegelsteine sind fertig gebrannt und liegen gestapelt im Hof des Künstlerhauses in der Ottestraße 1 in Eckernförde. Im Sommer sollen sie alle in die Pflasterung eingepasst werden. Bild
Ab dem Sommer 2004 werden die Ziegelsteine in die Pflasterung der Stadt eingearbeitet. Für jeden Ziegelstein müssen bis zu fünf andere Steine herausgenommen und abgesägt werden. Fridjof und Johann helfen dabei. Bild
Roman Greub, ein Bildhauer aus der Schweiz, ist mit seinen beiden Töchtern Nanouche und Elenia gekommen, um mitzuhelfen. Hier diskutiert er mit Fridjof über den weiteren Verlauf der „Lebenswege“. Bild
Roman, Nanouche, Johann und Fridjof haben die ersten Steine verlegt, sind aber noch in der Nähe des Rathauses. Bild
Die Spuren beginnen am Rathaus. Im Hintergrund sieht man die Nicolaikirche. Hier beginnt die andere Spur. Bild
Die Ziegelsteine werden wie Intarsien in die Pflasterung eingepasst. Bild
Die letzten Spuren vor dem Friedhof sind meine. Ein kleiner Kompromiss. Keinem Kind der Stadt wollte ich diese (scheinbare) Last zumuten… Bild
Ein eingepasster Stein im Detail. Bild
Der Verlauf der Spuren auf dem Stadtplan. Bild

Der letzte Stein der Lebenswege

Einführende Worte zum Gottesdienst am 11. Juni 2005 in Eckernförder Nicolaikirche

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Eltern und vor allem: liebe Kinder !

Ich freue mich, dass am heutigen Tag die letzte Fußspur des Weges, des „Lebensweges“, der durch Eckernförde führt, eingesetzt werden kann.

Dann sind 800 Ziegelsteine mit den Abdrücken der Kinder von Eckernförde offiziell der Stadt übergeben und Sie, verehrte Bürgerinnen und Bürger müssen damit in Zukunft leben.

Werden Sie gut leben können mit den Fußspuren? Oder werden diese Ihnen lästig werden, wenn Sie die Hintergründe der „Lebenswege“ vor Touristen erläutern sollen? Wird es den Spuren so ergehen wie so manch einem pompös eingeweihten Denkmal, was dann schnell in Ungnade fällt damit, mit Christian Morgensterns Worten „einen Vogel seinen Sterz oder ein Mensch von Wert seinen Witz auf (ihm) entleert“?

Eins ist klar: Die „Lebenswege“ werden im Laufe der Zeit unterschiedlich betrachtet werden: Die Dauerhaftigkeit des Ziegels macht es; der für die (fast) Ewigkeit eingefrorene Zustand eines Momentes, einer bestimmten Größe eines Kinderfußes.
Irgendwann werden alle Kinder, die ihren Abdruck hinterlassen haben, Erwachsen sein oder Greise oder.... tot.

Lassen Sie mich, als Ideenstifter von „Lebenswege“, ein letztes Mal und bevor meine Sicht der Dinge unwichtig wird, erläutern, warum ein Stipendiat eines Künstlerhauses auf die Idee verfallen ist, so ein Projekt der Stadt vorzuschlagen.

Seit einigen Jahren befasse ich mich in Berlin mit der Herstellung von besonderen Grabzeichen, die ich denkwerke nenne.
In Zusammenarbeit mit den Angehörigen oder Freunden werden Grabmale entwickelt, die unverwechselbar in Materialauswahl und Form mit dem Verstorbenen in Verbindung stehen. Für mich rührt die Auseinandersetzung mit der menschlichen Seinsflüchtigkeit an den Grundfesten vom Humanität, Religion und Kultur überhaupt.
Ein trauernder Mensch ist im materialistischen Sinne unproduktiv. Er vernachlässigt sich in Kleidung und Ernährung und mitunter sogar in der Versorgung der eigenen Kinder. Und doch zeigt sich der Mensch gerade hier in seiner feinsten Form.

Scheinbar unvermittelt stellte sich die Sinnfrage. Warum musste gerade ich den Tod so nahe „erleben“? Man wähnt das Schicksal oder Gott gegen sich.

Zu den antiken Exerzitien gehörte es, sich auch den Tod vorzustellen, den Moment des Sterbens geistig vorwegzunehmen, um in der Situation, wenn sie da ist, nicht vollkommen unvorbereitet zu sein.
Auf der Höhe des Bewusstseins dem Tod in die Augen sehen, möglichst oft an ihn denken; ja sogar „im Denken Umgang mit dem Tod pflegen“, wie der Philosoph Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert sagte.
Wer sich der eigenen Todesangst im Denken stellt -der kann wieder vorbehaltlos gut sein, er wird sich für andere Menschen einsetzen, ohne die Angst, „etwas zu verlieren“. Dieser Gedanke kommt nicht von mir, sondern von Immanuel Kant, der ihn in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ aufgegriffen hat.
Er sagt: „Wir Menschen müssen eigentlich davon ausgehen, dass es eine Unsterblichkeit der Seele gibt. Denn wenn wir Gutes tun, erleben wir ständig, dass wir dauerhaft Güte in dieser Welt nicht finden können. Es gibt Neid, Bösartigkeit, Hass. Gutes wird so oft nicht mit Gutem vergolten. Der moralisch wertvoll handelnde Mensch kann also auf Erden keine Erfüllung seines guten Lebens erwarten. Die erstrebte Glückseligkeit ist auf dieser Welt nicht zu haben.“

Sollte einer von Ihnen mit dem Begriff „Seele“ nichts anfangen können: Anders ausgedrückt und in dieser Minimalform vielleicht besser zu akzeptieren: Das etwas bleibt, was durch den Tod nicht zerstört wird.
Ich möchte behaupten: Wahrer Humanismus ist ohne Transzendenz nicht denkbar.

In unserem Leben müssen wir lernen, Abschied zu nehmen. Wir nehmen Abschied von unserer Kindheit, von unserer Jugend, von unseren Eltern. Abschied dann auch irgendwann von unserem Leben.
Wenn uns das bewußt ist, so können wir meines Erachtens auch besser unseren irdischen Aufenthalt gestalten und friedlicher sterben.

Kinder haben meistens mit dem Tod weniger Probleme und brauchen sich nicht an religiösen oder philosophischen Gedankengebilden entlangzuhangeln. Viel mehr sind sie dazu in der Lage, ihr Schicksal vorbehaltlos anzunehmen. Vielleicht hängen Kinder noch nicht so verbissen am Leben, wie wir Erwachsenen oft, vielleicht sind sie noch viel mehr mit dem Kosmos, der Urmutter verbunden.

Dazu eine kleine Geschichte. Sie heißt „Gibt es ein Leben nach der Geburt?“

Es geschah einmal, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen und die Knaben wuchsen heran. Sie begannen ihre Welt zu entdecken und die Nabelschnur, die sie mit der Mutter verband.
Als aber schon Monate vergangen waren, bemerkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten,. „Was soll das heißen?, fragte der eine. „Das heißt“, sagte der andere, „dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende geht.“
„Aber ich will gar nicht gehen,“ sagte wieder der Erste. „Wir haben keine Wahl“, entgegnete der andere, „aber vielleicht gibt es ja ein Leben nach der Geburt“.
„Aber wie soll das gehen“, fragte wieder der Zweifelnde, „wenn wir unsere Lebensschnur verlieren? Und außerdem hat nie jemand diesen Mutterschoß verlassen und ist wieder zurückgekommen, um zu sagen, wie es weiterginge. Nein, die Geburt ist das Ende!“

Und er fiel in tiefen Kummer und sagte: “Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß? Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem !“ „Aber sie muss existieren“, protestierte der andere, „wie sollen wir sonst hierher gekommen sein?“ „Hast du je unsere Mutter gesehen“?, fragte wieder der Zweifelnde, „vielleicht haben wir sie nur erdacht, um unser Leben besser zu verstehen !“ Und so waren die letzten Tage im Schoße der Mutter voller Angst und Fragen.
Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen. Sie schrieen vor Freude. Was sie sahen übertraf ihre kühnsten Träume...

Für mich persönlich haben die Spuren der Kinder Eckernfördes etwas, was die Seins und Sinnfrage, die Frage nach Gott, wenn sie so möchten, berührt.
Aber das nicht vordergründig oder ausschließlich, -wo bliebe da die Leichtigkeit? Es sind auch Spuren, die Spaß machen, denen man spielerisch begegnen kann.

Wie werden Sie die Spuren der Kinder in einem Monat, in einem Jahr, in zwanzig Jahren sehen?
Ich weiß es nicht, aber die Ziegelsteine sind so, dass man 100 Mal über sie hinwegsehen kann und einem beim 101. Mal ein Abdruck wieder auffällt.
Ich wünsche Ihnen viel Freude an der Auseinandersetzung mit „Lebenswege“ –jetzt und in Zukunft !

Ich möchte mich bedanken beim Förderverein des S-H Künstlerhauses in Eckernförde, insbesondere bei Sven Wlassack und Marianne Tralau, bei Markus Feuerstack, Mattäng, Roman Greub, Nanouche, Elenia, dem Ziegelwerk Hademarschen, bei meinen beiden Söhnen Johann und Fridjof und bei allen großen und kleinen Helfern, ohne deren Zutun das Projekt nicht hätte realisiert werden können.

Vielen Dank !

Berlin, den 5. 6. 2005 Michael Spengler

Fotos: M. Spengler, fognin, A. Haase

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